Guten Abend,
mich würde eure Meinung zu meiner mittlerweile total verzwickten Situation interessieren. Ich halte seit über 15 Jahren Ratten und zwar bevorzugt die "Nicht-Integrierbaren", die Schüchternen, Beißerchens, Kranken, etc. – also Tierschutzratten, die andere "zu wenig niedlich/einfach" finden – aus Tierheimen, Laboren, privaten Notfällen, etc. Bislang konnte ich früher oder später immer alle integrieren, auch mit Teil-Integrationen, Rudel-Trennungen etc. Ich habe quasi alles durch. Dachte ich.
Ich muss leider ein bisschen ausholen, weil die Dynamik sehr komplex ist.
Ich hatte jahrelang ein bunt gewürfeltes und trotzdem funktionierendes Rudel – Tierheimratten, eine Futterratte (Snoopy), eine gerettete Privatratte (Ivy) und einige Laborratten, darunter Idefix und Asterix. Irgendwann starben alle außer eben Snoopy, Ivy, Idefix und Asterix. Alle waren schon um die 2 Jahre alt. Ivy bekam leichte HHL plus evtl. leichte Demenz, Snoopy hatte offenbar ein verdecktes Herzleiden. Snoopy und Idefix waren übrigens meine absoluten Seelenratten, wobei das gesamte alte Rudel ein Traum war.
Da ich lange Zeit selbst im Tierschutz aktiv war, übernahm ich schließlich sechs Laborratten. Erst wollte ich nur 3 nehmen, aber da das Labor stresste, wurden es eben sechs. Die Ratten aus diesem Labor gelten eigentlich als total zahm und leicht zu integrieren. Nur meine? Sie knifften mich von Tag 1 an, teilweise blutig. Allerdings meistens nicht aggressiv – eher so ein: "Was bist du? Ok, vorsichtig mal reinbeißen." Und zwar alle sechs. Gut, damit kann ich mich arrangieren. Hatte zwar noch nie 6 Beißerchens gleichzeitig, aber das Verhalten an sich ist mir nicht fremd. Also gab es sanfte Annäherungsversuche und ich habe einfach versucht, Zehen und Finger in Sicherheit zu bringen (hochheben lassen sich 5 von 6 problemlos, auch streicheln).
Nun stand die Inti an. Ich wende je nach Rudeldynamik unterschiedliche Methoden an (Badewanne, Transportbox, Inti-Käfig, neutraler Raum). Die besten Erfahrungen hatte ich meist mit der Inti-Käfig-Methode gemacht. Die ersten beiden Versuche mit meinem alten Rudel klappten jedoch nicht. Alle, sogar Asterix, der ein kräftiger Rudelwächter war, legten sich mit den 6 Zicken lieber nicht an. Und Snoopy... Snoopy hatte seitdem neurologische Ausfälle und starb 2 Wochen nach den ersten Inti-Versuchen. Das war mein Fehler, ich hatte die Situation unterschätzt und den versteckten Herzfehler nicht rechtzeitig bemerkt (das fand man erst am Tag des Einschläferns heraus), da er davor nie Symptome zeigte und nie krass Stress hatte.
Die 6 Laborzicken mobbten Snoopy systematisch (das habe ich so konsequent erst ein einziges Mal erlebt): Snoopy saß am Futternapf und fraß. Dann kam Zicke 1 und schmiss ihn in den Napf hinein. Sofort kam Ratte 2, drehte ihn auf den Rücken und fixierte ihn am Bauch. Die restlichen 4 standen um den Napf herum, damit er nicht flüchten konnte, und sobald er es versuchte, legte sich eine dritte über ihn. Das ist die Dynamik dieses Rudels. Saß meine alte Ivy-Omi auf der Toilette, kam eine Laborzicke und kniff sie ganz fest in den Hintern, sodass meine Omi taumelte und panisch aus dem Käfig wollte (und das, nachdem der erste Inti-Versuch eigentlich so wirkte, als habe alles geklappt). Sie haben null Respekt vor älteren, kranken oder zarten Ratten. Ich trennte die Laboris also wieder von meinem alten Rudel.
Dann starben alle aus meinem alten Rudel altersbedingt, bis auf Idefix. Es mussten Kumpels her, und so rettete ich eine Futterratte: Moritz. Er war zwar jünger als gedacht, verstand sich aber mit dem Opi sehr gut, und der blühte noch einige Wochen auf. Ja, ich weiß, Paarhaltung ist suboptimal, aber der Opi war durch die Laborzicken schon so verschreckt und wirklich sehr alt, dass ich ihm für die letzten Wochen einfach eine Ratte suchte, mit der es sofort harmonierte. Eigentlich hätten es 3 Opis aus einem Tierheim sein sollen, aber das Tierheim hatte mir Parasiten-Checks verweigert, fand meine Maximus-Voliere für 5 Ratten zu klein und meinte, ich brauche gar nicht erst zu kommen... Ich kenne die Tierschutzszene hier durch meine Ausbildungen gut und habe mir genaue Pläne überlegt – die aber alle komplett anders verliefen. Also kam Moritz zum Opi. Der Opi blühte auf, Moritz war in Sicherheit. Alles gut.
Dann starb der Opi und Moritz war alleine. Ich nahm ihm schnell zwei neue Notfellchen dazu, etwa 5-6 Wochen alt (Moritz war da etwa 12 Wochen alt). Da er ein Riese ist, wartete ich mit der Inti noch etwas ab. Dummerweise starb eines der beiden Notfellchen urplötzlich (laut Tierarzt ebenfalls ein Herzfehler). Nun war das zweite Notfellchen, Mogli, ebenfalls alleine. Ich habe dann, als Mogli größer wurde, versucht, Mogli und Moritz zusammen zu integrieren, um sie später als Duo mit den Mädels zu vergesellschaften. Aber Moritz hasste Mogli von Anfang an so sehr, dass er ihn schon beim 1. Versuch vermutlich schwer verletzt hätte, hätte ich sie nicht SOFORT wieder getrennt. Moritz war (und ist) Mogli gegenüber total aggressiv, obwohl beide kastriert sind.
Nun dachte ich mir: Ich splitte das Zickenrudel in 3/3 auf. Ich setze die 3 harmlosesten zu Mogli, und die 3 zickigeren zu Moritz, weil Moritz inzwischen groß und stark ist und sich wehren kann.
Mit Moritz und seinen 3 Zicken klappt es auch. Ich bin gerade in der Integration. Am 1. Tag bekam er zwar Panik, am 2. Tag checkte er aber, dass er stärker ist, wies die Weibchen in die Schranken und ist von deren Anwesenheit jetzt zwar genervt, aber nicht verzweifelt. Er darf fressen und trinken und entspannt sich zwischendurch. Diese Konstellation funktioniert also.
Nur mit dem noch immer recht kleinen Mogli läuft es fatal. Selbst die 3 "gutmütigsten" Mädels beginnen nun, ihn systematisch zu mobben. Anfangs lief es total gut, er durfte im Inti-Käfig den Mädels nachlaufen und sie beschnuppern. Doch urplötzlich kippte die Stimmung und er darf gar nichts mehr. Er darf nur noch in einer Käfig-Ecke sitzen. Er wird sofort zurückgejagt, wenn er all seinen Mut zusammennimmt und leise zum Napf schleicht. Wenn ich ihn aus dem Inti-Käfig herausnehme und wieder hineinsetzen will, sträubt er sich mit Händen und Füßen gegen meine Hand und zittert am ganzen Körper. Es ist herzzerreißend. Blutig gebissen wurde er noch nicht. Die Mädels sind untereinander auch so rau, sie kennen diesen Umgangston. Aber Mogli ist extrem sensibel und treudoof. Ein zutiefst sozialer, sanfter Zeitgenosse, der einfach nur friedlich Kontakt knüpfen will.
Ich persönlich würde nun wie folgt handeln:
- Moritz bei seinen 3 Weibchen lassen und diese Inti fortsetzen, denn dort klappt es.
- Die Integration von Mogli abbrechen. Die 3 Weibchen, die bei ihm saßen, ziehen wieder als Dreiergruppe fest zusammen.
- Für Mogli zwei neue Ratten in seinem Alter dazu holen, die als sehr sanft gelten. Erst Mogli mit den neuen Jungs vergesellschaften, damit er ein stabiles, eigenes Rudel hat. Und erst viel später, wenn er erwachsen und selbstsicher ist, noch einmal einen Versuch mit den Mädels wagen.
Mein Partner hingegen, der die Ratten wirklich liebt, aber oft sher pragmatisc ist, meint: "Das sind Tiere, sie haben sich nie blutig gebissen. Mogli muss lernen, seine Angst zu überwinden. Wenn du ständig Integrationen abbrichst, nur weil er Angst hat und zittert, zerstörst du alles, was an Inti aufgebaut wurde. Da muss er jetzt ohne Häuschen durch."
Ich stehe nun davor und sehe ein Jungtier, das sich kaum noch ans Gitter traut (obwohl er sonst sofort freudig angelaufen kam), das meine Hand sucht, an mir hochklettert und unter keinen Umständen zurück in den Käfig will. In der Transportbox lassen sie ihn mittlerweile in Ruhe, aber sobald es in den Käfig geht, wird er kollektiv belagert und in der Ecke isoliert, bis er resigniert.
Ich habe sogar schon überlegt, Mogli in ein völlig stressfreies Zuhause abzugeben, weil ich nur das Beste für ihn will – auch wenn es mir das Herz brechen würde, da er mir extrem ans Herz gewachsen ist.
Ich würde hier, auch wenn es bislang nicht blutig war, einen Schlussstrich ziehen, da der psychische Druck auf das Jungtier enorm ist. Oder bin ich zu sensibel? Würdet ihr ähnlich vorgehen oder ganz anders?
Liebe Grüße
Stupsnaeschen
hier.